Sunday, November 13, 2016

OpenAccess: Letter to the editor of Süddeutsche Zeitung

In yesterday's Süddeutsche Zeitung, there is an opinion piece by historian Norbert Frei on the German government's OpenAccess initiative, which prompted me to write a letter to the editor (naturally in German). Here it is:

Zum Meinungsbeitrag „Goldener Zugang“ von Norbert Frei in der SZ vom 12./13. November 2016:

Herr Frei sorgt sich in seinem Beitrag, dass der Wissenschaft unter der Überschrift OpenAccess von außen ein Kulturwandel aufgezwungen werden soll. Er fürchtet, dass ihn die Naturwissenschaftler zusammen mit der Politik zwingen, seine Erkenntnisse nicht mehr in papiernen Büchern darlegen zu können, sondern alles nur noch zerstückelt in kleine Artikel-Happen in teure digitale Archive  einzustellen, wo sie auf die Bitverrottung waren, da schon in kürzester Zeit das Fortschreiten von Hard- und Software dazu führen wird, dass die Datenformate unlesbar werden.

Als Gegenmodell führt er die Gutenberg-Bibel an, von der eine Mehrzahl der Exemplare die Jahrhunderte überdauert haben. Nun weiss ich nicht, wann Herr Frei das letzte Mal in seiner Gutenberg-Bibel geblättert hat, ich habe in meinem Leben nur ein einziges Mal vor einer gestanden: Diese lag in einer Vitrine der Bibliothek von Cambridge und war auf einer Seite aufgeschlagen, keine andere Seite war zugänglich. Dank praktischem OpenAccess ist es aber nicht nur den guten Christenmenschen möglich, eine Kopie zu Hause vorzuhalten. Viel mehr noch, die akademischen Theologen aus meinem Bekanntenkreis arbeiten selbstverständlich mit einer digitalen Version auf ihrem Laptop oder Smartphone, da diese dank Durchsuchbarkeit, Indizierung und Querverweisen in andere Werke für die Forschung viel zugänglicher ist.

Geschenkt, dass es bei der OpenAccess-Initiative eine Ausnahme für Monographien geben soll. Niemand will das Bücherschreiben verbieten. Es geht nur darum, dass, wer Drittmittel von der öffentlichen Hand erhalten will, nicht noch einmal die Hand dafür aufhalten soll, wenn sich dann die vor allem wissenschaftliche Öffentlichkeit über die Ergebnisse informieren will. Professorinnen und Professoren an deutschen Universitäten schreiben ihre wissenschaftlichen Veröffentlichungen nicht zu ihrem Privatvergnügen, es ist Teil ihrer Dienstaufgaben. Warum wollen sie die Früchte ihres bereits entlohnten Schaffens dann noch ein weiteres Mal den öffentlichen Bibliotheken verkaufen? 

Ich kann mich noch gut an meinen Stolz erinnern, als ich das erste Mal meinen Namen gedruckt auf Papier sah, der das Titelblatt meiner ersten Veröffentlichung zierte. Jenseits davon ist es für mich als Wissenschaftler vor allem wichtig, dass das, was ich da herausfinde, von anderen wahrgenommen und weitergetrieben wird. Und das erreiche ich am besten, wenn es so wenig Hürden wie möglich gibt, dieses zu tun.

Ich selber bin theoretischer Hochenergiephysiker, selbstredend gibt es sehr unterschiedliche Fächerkulturen. In meinem Fach ist es seit den frühen Neunzigerjahren üblich, alle seine Veröffentlichungen - vom einseitigen Kommentar zu einem anderen Paper bis zu einem Review von vielen hundert Seiten - in arXiv.org, einem nichtkommerziellen Preprintarchiv einzustellen, wo es von allen Fachkolleginnen und -kollegen ab dem nächsten Morgen gefunden und in Gänze gelesen werden kann, selbst viele hervorragend Lehrbücher gibt es inzwischen dort. Diese globale Verbreitung neben einfachem Zugang (ich habe schon seit mehreren Jahren keinen papiernen Fachartikel in unserer Bibliothek mehr in einem Zeitschriftenband mehr nachschlagen müssen, ich finde alles auf meinem Computer) hat so viele Vorteile, das man gerne auf mögliche Tantiemen verzichtet, zumal diese für Zeitschriftenartikel noch nie existiert haben und, von wenigen Ausnahmen abgesehen, verschwinden gering gegenüber einem W3-Gehalt ausfallen und als Stundenlohn berechnet jeden Supermarktregaleinräumer sofort die Arbeit niederlegen ließen. Wir Naturwissenschaftler sind auf einem guten Weg, uns von parasitären Fachverlagen zu emanzipieren, die es traditionell schafften, jährlich den Bibliotheken Milliardenumsätze für unsere Arbeit abzupressen, wobei sie das Schreiben der Artikel, die Begutachtung, den Textsatz und die Auswahl unbezahlt an von der Öffentlichkeit bezahlte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler delegiert haben und sie sich ausschliesslich ihre Gatekeeper Funktion bezahlen liessen. 

Und da ich an Leserschaft interessiert bin, werde ich diesen Brief auch in mein Blog einstellen.

4 comments:

Bernhard Mittermaier said...

Chapeau!
I take the liberty of adding my own Letter to the editor below.
Kind regards,
Bernhard Mittermaier
Forschungszentrum Jülich

Das postfaktische Zeitalter hat nun auch Einzug in deutsche Professorenstuben gehalten. Prof. Frei hätte sich z.B. auf den Webseiten seiner eigenen Universitätsbibliothek sehr leicht darüber informieren können, was Open Access ist. Ob er den Gastkommentar „Goldener Zugang“ ohne Kenntnis der Fakten oder aber in bewusster Verdrehung selbiger geschrieben hat, mag sein Geheimnis bleiben. Falsch ist z.B. die grundlegende Prämisse, dass Open Access der Gegensatz zum gedruckten Buch sei. Tatsächlich bedeutet Open Access den freien Zugang zu elektronischer Literatur, idealerweise mit der Möglichkeit der Nachnutzung, beispielsweise aufgrund einer CC-BY Lizenz. Es stellt damit einen Gegensatz zu einem Zugang zu elektronischer Literatur nur gegen Bezahlung dar. Wenn Herr Frei das gedruckte Buch als adäquates Medium erachtet, dann möge er gerne so publizieren. Er kann aber gleichzeitig eine elektronische Fassung des Buches im Internet im Open Access zur Verfügung stellen, um damit auch Rezipienten seiner Werke zu bedienen, die selbst eine andere Arbeitsweise an den Tag legen und lieber mit elektronischen Texten arbeiten. Dem Absatz des gedruckten Werkes schadet das nicht, wie Untersuchungen gezeigt haben. Um nur noch zwei der weiteren Fehler herauszugreifen: „Chemical Abstracts“ sind keine Fachzeitschrift sondern eine Datenbank; die explodierenden Preise der „Online-Publikationen“ sind kein Kennzeichen von „online“, sondern betreffen gedruckte und elektronische Ausgaben von Fachzeitschriften gleichermaßen.

Robert Helling said...

"Dem Absatz des gedruckten Werkes schadet das nicht, wie Untersuchungen gezeigt haben."

Oh, das hätte ich anders erwartet. Wo kann ich das nachlesen?

Bernhard Mittermaier said...

1. Erfahrungen unseres eigenen Verlags
2. https://www.inetbib.de/listenarchiv/msg59075.html
3. die dort erwähnte frühere Diskussion. Der Verlag Eugen Ulmer hatte ca. 2009 im Nachgang zu den Diskussionen eine Untersuchung gemacht; auf die schnelle habe ich die Ergebnisse nicht gefunden. Jedenfalls keine siginfikante Auswirkung hinsichtlich des Umsatzes (weder positiv noch negativ)

Bernhard Mittermaier said...

nun hab ich's gefunden:
http://www.inetbib.de/listenarchiv/msg40972.html

nach dieser "2. Zwischenauswertung" wurden keine weiteren Ergebnisse publiziert.